Galerie
Albrecht

Thomas Lüttge
Gabor Kerekes
Michael Kenna

B/W Photographs from the 1960s till today

04 July — 05 September 2015

Summer Break — 11 — 24 August 2015

Thomas Lüttge, High Noon, Antalya, 1964, 44.5 × 44.5 cm

Gabor Kerekes, Concrete Silo, 1978, 14.5 × 21 cm

Michael Kenna, Full Moonset, Chausey Islands, 2008, 20 × 19.5 cm

Schwarz-Weiß ist im täglichen Leben eine Ausnahme. Normalerweise werden wir von Farben umgeben, mit Farben drücken wir Gefühle aus, wir gehen auf Farben zu, lassen uns von ihnen erfreuen oder abstoßen, Farben locken und rufen, sie sorgen für Aufmerksamkeit, schwarz-weiß ist das Leben, dem die Farbe genommen wurde.

 

Wenn nach Erfindung der Farbfotografie Thomas Lüttge (*1941) in den 60er Jahren, zu Zeiten der Minimal Art, s/w fotografiert, lässt sich das verstehen, wenn der Fotograf Gabor Kerekes (1945-2014) in den 70er Jahren zur Zeit des Kalten Kriegs in Ungarn s/w fotografiert lässt sich das nachvollziehen und heute? Der 1953 geborene Fotograf Michael Kenna fotografiert ausschliesslich s/w. Was bietet die S/w- Fotografie heute? Diese Fage lässt sich stellen, aber nicht beantworten, zu vielfältig und individuell sind die Gründe, die für die S/w-Fotografie sprechen. Jedoch lassen sich ein paar Dinge feststellen:

 

S/w-Fotografie kann gerade weil die Farbe nicht da ist, die Imagination anregen. Im Winter, wenn Schnee gefallen ist und alles weiß bedeckt, bleiben nur wenige Dinge sichtbar, in der S/w-Fotografie verschwinden die vielen Einzelheiten in den Grauwerten, das Auge kommt zur Ruhe, die Welt erscheint überschaubar. Das Licht wird der Erzähler, Licht und Schatten – mehr braucht es nicht.

 

Michael Kenna wählt zuweilen bewußt die Nacht für seine Fotos, wenn im fahlen Licht des Mondes die Landschaft noch zusätzlich jedes Details beraubt und die reine Form umso klarer erkennbar wird.

 

Wenn das Licht des Mondes das Vertraute neu und distanziert erscheinen lässt und das Foto nicht mehr Wirklichkeit ist, sondern etwas Abstraktem gleicht, einem kurzen Gedicht, einem japanischen Haiku.

 

Gabor Kerekes erzählt von der Vergeblichkeit des Daseins, des Wartens, der vergeblichen Erwartung. Wie Monumente der Verlorenheit stehen die verlassenen Fabrikanlagen, steht der Mensch selbst im Nirgendwo. Nichts und niemand bewegt sich, geheimnisvoll verhüllt wartet alles darauf, zum Leben erweckt zu werden – doch der Prinz kommt nicht.

 

Können S/w-Fotos demnach keine Fotos im eigentlichen Sinn sein, sondern Stellvertreter für einen zum Bild gewordenen Gedanken? Für das forschende Vordringen des Auges zu dem, was im Sichtbaren nicht sichtbar ist? Will der Fotograf mehr sehen, als er sieht? Thomas Lüttge spricht von dem «Bedürfnis in den Erscheinungen archetypische Haltungen zu erspüren, die über ein gegenwärtiges, subjektives Empfinden hinausgehen.» Der Stuhl steht inmitten chaotischer Schattenlinien, der Baumstamm erhebt sich aus dem unbestimmten Am-Boden-Liegen und strebt in die Höhe, in der monotonen Einheit von Häusern und Sonnensegeln, sticht ein Segel hervor und wirft einen breiten Schatten auf den Boden. Es gibt das Eine, in dem sich alles bündelt, es ist das Forte im Piano, der Entschluß im Unentschlossenen – der Fotograf interpretiert die Welt eben auch mit seinem Auge.

 

 

In everyday life, black-and-white is an exception. Normally, we are surrounded by colours, we express emotions through colours, we approach colours, we are attracted or repelled by colours, colours call and entice us, they draw our attention. Black and white is life stripped of colour.

 

It is easy to understand that after the invention of colour photography Thomas Lüttge (born in 1941) took black-and-white photographs in the 1960s, in the era of minimal art, and that in the 1970s the photographer Gabor Kerekes (1945 - 2014) took b/w photographs in Cold War Hungary, we can comprehend that. And today? Michael Kenna, born in 1953, takes only b/w photographs. What does b/w photography have to offer today? This question can be raised, but it cannot be answered. The reasons for b/w photography are too varied and individual. But a few things can be ascertained:

 

Precisely because of the absence of colour, b/w photography can stimulate the imagination. In the winter, after it has snowed, only a few things remain visible, and in b/w photography, many details disappear in the grey tones, the gaze calms down, the world appears clear and simple. Light becomes the narrator; light and shadow, more is not necessary.

 

Michael Kenna sometimes chooses the night for taking his photographs, when in the pale light of the moon the landscape is even more deprived of detail, and the pure form emerges all the more clearly. Then the moonlight makes what is familiar seem new and removed, and the photograph no longer depicts reality, but rather resembles something abstract, like a short poem, a Japanese haiku.

 

Gabor Kerekes’ work circles around the futility of existence, of waiting, of vain expectations. The abandoned factories seem like monuments of forsakenness in the middle of nowhere – the same is true for man himself. Nothing and nobody is moving, everything is mysteriously veiled, waiting to be brought to life – but the prince won’t come.

 

So can black-and-white photographs not be photos in the true sense, but are proxies for a thought that has become a picture? For the enquiring advance of the gaze seeking what is invisible in the visible? Does the photographer want to see more than he sees? Thomas Lüttge speaks of the “desire to sense in the archetypes attitudes that go beyond a current, subjective feeling”. The chair stands in the midst of chaotic shadow lines, the tree trunk rises from an indeterminate lying on the ground and strives upward, in the monotonous uniformity of houses and sun sails, one sail sticks out and casts a broad shadow on the ground. There is the one thing where everything is concentrated, it is the forte in the piano, the decision in indecisiveness, – after all, the photographer interprets the world also with his gaze.