Galerie
Albrecht

haruka ushiro – far beyond

Tulpen, 2018, Kollodium-Nassplatte mit japanischer Baumwolle, 30 x 40 cm

Tulpen, 2018, Kollodium-Nassplatte mit japanischer Baumwolle, 30 x 40 cm

Tulpen, 2018, Kollodium-Nassplatte mit japanischer Baumwolle, 30 x 40 cm

Tulpen, 2018, Kollodium-Nassplatte mit japanischer Baumwolle, 30 x 40 cm

Friedrich der Große, 2020 Kollodium-Nassplatte Asa-Kamon Stoff, 45 x 45 cm

Tulpen, 2015, Kollodium-Nassplatte, 13 x 18 cm

Tulpen mit Muschel, 2018, Kollodium-Nassplatte, 43 x 35 cm

Chrysantheme, 2020, Kollodium-Nassplatte, 21 x 16 cm

Pusteblume, 2019, Kollodium-Nassplatte, 21 x 16 cm

Tulpen, 2020, Kollodium-Nassplatte, 20 x 40 cm

Friedrich der Große, 2020, Kollodium-Nassplatte Asa-Kamon Stoff, 45 x 45 cm

Tulpen, 2021, Kollodium-Nassplatte, 40 x 30 cm

Kohl, 2021, Kollodium-Nassplatte mit japanischem Kakichibui-Stoff, 30 x 25 cm

Distel, 2019, Kollodium-Nassplatte, 21 x 16 cm

Papageienfisch, 2019, Kollodium-Nassplatte mit japanischer Baumwolle, 21 x 16 cm

Muschel, 2019, Kollodium-Nassplatte, 10 x 15 cm

Muschel, 2019, Kollodium-Nassplatte mit japanischem Kakichibui-Stoff, 10 x 15 cm

Flußkrebs, 2019, Kollodium-Nassplatte, 16 x 21 cm

Friedrich der Große, 2020 Kollodium-NassplatteAsa-Kamon Stoff, 45 x 45 cm

Doraden, 2017, Kollodium-Nassplatte hinterlegt mit Weißgold, 45 x 45 cm

Muschel, 2019, Kollodium-Nassplatte mit japanischer Baumwolle Meiji Periode, 21 x 16 cm

Eier, 2017, Kollodium-Nassplatte hinterlegt mit Weißgold, 30 x 60 cm

Friedrich der Große, 2020, Kollodium-Nassplatte Asa-Kamon Stoff, 45 x 45 cm

Installationsansicht

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Installationsansicht

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Installationsansicht

Installationsansicht

Als Fotograf ist Steffen Diemer Autodidakt. Auch niemand in der Familie, der den Jungen seinerzeit für das Medium begeistert hätte. Was Diemer erinnert, ist die Gärtnerei des Onkels. Da habe die Mutter gearbeitet, pikiert, also Keimlinge versetzt. Auch Steffen Diemer hat die Hände in die Erde gesteckt, ein Fingerbad im Torf genommen, hat den Humus gerochen. Er riecht ihn noch heute, was seine Affinität zur Natur erklären dürfte, seine Liebe zu den Pflanzen. Freilich sind es nicht nur Pflanzen, Früchte, 32 Pflanzenteile, denen seine Aufmerksamkeit gilt. Im Prinzip ist ihm alles, fast alles bildwürdig, sofern es sich in seine kleine Welterzählung fügt. Fotografierend stiftet Diemer nicht großes Theater, sondern Kammerspiele in Schwarzweiß. Bei ihm liegt in der Ereignislosigkeit das Ereignis, die Sensation in der betonten Schlichtheit der Darstellung wie des Dargestellten. Diemers Bilderwelt ist ein Gegenentwurf zur Aufgeregtheit des digitalen Zeitalters, ist visuelle Antithese zu einer bunt flimmernden Ikonografie, der zu entkommen kaum noch möglich ist.

»Lange Zeiten«, hat der bekannte Modefotograf Paolo Roversi einmal gesagt, »geben der Seele Gelegenheit sich einzufinden.« Steffen Diemer genügen im Schnitt anderthalb Minuten, um seinen Bildern so etwas wie Seele einzuhauchen. Das klingt nach Metaphysik. Aber der Rückgriff auf ein historisches Verfahren ist bei Diemer nicht handwerkliches Muskelspiel, sondern ein Mittel, Bilder der anderen Art zu generieren: »Große stille Bilder«, um einen Begriff des Medienwissenschafters Norbert Bolz zu zitieren. Diemers Schöpfungen sind wie der Blick durchs Schlüsselloch auf eine andere Welt, auf eine Welt, die auf frappante Weise in sich ruht. Fragt man ihn nach Einflüssen, nennt er den Tschechen Josef Sudek. Bohrt man tiefer, kommt man auf Japan, wo Diemer mehrere Jahre gelebt und gearbeitet hat. Die dort gesammelten Erfahrungen haben fraglos Spuren hinterlassen. Speziell die Bekanntschaft mit der Tuschemalerei eines Hasegawa Tōhaku blieb nicht ohne Wirkung. Reduktion, Einfachheit, die
Suche nach dem Wesentlichen sind Gebote, denen sich auch Steffen Diemer in seiner Arbeit unterwirft. Was Steffen Diemer liefert, ist nicht ausschweifende Prosa, sondern Poesie auf den Punkt gebracht, sind in ihrer Schlichtheit Haikus mit bildnerischen Mitteln. Formal setzt er auf partielle Schärfe, testet extreme Hoch- oder Querformate aus, spielt mit Kontrasten, arrangiert seine Objekte überlegt im Raum. Auch addiert er immer wieder Bildfolgen zu nachgerade filmischer Tableaus. »Fotografien hatten immer ein spezifisches Gewicht«, sagt Günter Karl Bose. Jedenfalls im analogen Zeitalter besaß der Abzug noch eine Grammatur, eine Haptik, eine Oberfläche, einen Rand: letzterer bei Diemer, dem Verfahren geschuldet, von einer speziellen Anmutung. In digitalen Zeiten mutiert das Bild zum entmaterialisierten Datensatz. Steffen Diemers objekthafte Schöpfungen dagegen wiegen schwer. Im doppelten Sinne. Sorgfältig gerahmt und bisweilen vor ausgesuchten Textilien montiert, haben sie Gewicht. Und sie haben Tiefe, überraschen in ihrem historischen Anderssein und stimmen nachdenklich, indem sie regelmäßig Grundfragen unserer Existenz tangieren. Steht nicht die Tulpe für Blühen und Vergehen? Das Ei für ein geformtes Ideal? Und die profanen Schokoküsse? Sind sie nicht Glück – ein kleines Glück für wenig Geld?

Hans-Michael Koetzle: Womöglich könnte man von Aura sprechen (Auszug). Aus: Steffen Diemer: haruka ushiro. Ausstellungskatalog Galerie Albrecht, Berlin 2021.

Gefördert durch die Stiftung Kunstfonds und das NEUSTART KULTUR-Programm

As a photographer, Steffen Diemer is an autodidact. There was nobody in the family that would have inspired the boy for the medium at that time. What Diemer remembers is the gardening shop of his uncle. That is where his mother worked. She rogued, which means she transferred seedlings. Steffen Diemer also put his hands into the soil, took a finger bath in turf, smelled the humus. He still smells it today, which might explain his affinity for nature, his love for the plants. Certainly, it is not only plants, fruits, and plant components that attract his attention. In principle, everything, almost everything, is worthy of presentation for him, as long as it fits into his little world narrative. Diemer’s photography is not great theater, but chamber plays in black and white. For him, the event lies in the uneventfulness, the sensation in the emphasized simplicity of the representation as well as of the represented person. Diemer’s imagery is a counterpart to the excitement of the digital age, a visual antithesis to a colorfully glimmering iconography, that is almost impossible to escape from.

»Long times«, the famous fashion photographer Paolo Roversi once said, »give the soul a chance to settle in«. Steffen Diemer needs an average of one and a half minutes to give his images something like a soul. That sounds like metaphysics. But Diemer’s recourse to a historical process is not a muscle play of craftsmanship, but rather a medium of generating pictures of a different kind: »Large silent images« to quote a term by the media scientist Nobert Bolz. Diemer’s creations are like a glimpse through the keyhole into another world, a world that rests within itself in an astounding manner. If you ask him about influences, he names the Czech Josef Sudek. If you drill deeper, he mentions Japan, where Diemer lived and worked for several years. The experience that he gained there has undoubtedly left its marks. Especially the acquaintance with the ink painting of Hasegawa Tōhaku did not remain without impact. Reduction, plainness, the search for the essential are precepts that Steffen Diemer also submits in his work. What Steffen Diemer delivers is not excessive prose, but poetry brought to the point, in their simplicity they are haiku with artisticmeans. Formally, he relies on partial focus, tests extreme vertical and horizontal formats, plays with contrasts, deliberately arranges his objects in space. He also repeatedly adds picture sequences to form almost cinematic tableaus. »Photographs have always had a specific weight«, says Günter Karl Bose. At least in the analogue age, the print still possessed a grammage, a haptic, a surface, an edge: The last one, in the case of Diemer, is of a special impression due to the process. In the digital age, the picture mutates to a dematerialized data set. In contrast, the objectlike creations of Steffen Diemer weigh heavily. In the double sense. Carefully framed and occasionally assembled in front of selected textiles, they have weight. And they have depth, surprise in their historical otherness, they make us think by consistently touching on fundamental questions of our existence. Doesn’t the tulip represent blossoming and fading? Doesn’t the egg represent a formed ideal? And the profane chocolate marshmallows? Are they not happiness—a small piece of happiness for little money?

Hans-Michael Koetzle: One could possibly speak of an aura (excerpt). From: Steffen Diemer: haruka ushiro – far beyond. Exhibition catalogue Galerie Albrecht, Berlin 2021.

Funded by Stiftung Kunstfonds and NEUSTART KULTUR-Program


Pressemitteilung


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